Der Betrieb, der funktioniert und trotzdem kleiner wird
Es gibt einen Zustand, der in Alters- und Pflegeheimen häufiger vorkommt als die offene Krise, und der gefährlicher ist: Der Betrieb läuft. Die Bewohnenden sind versorgt, die Aufsicht beanstandet nichts, die Rechnung geht knapp auf. Und trotzdem wird das Haus jedes Jahr ein Stück kleiner.
Wie das geht
Drei Schleifen, die sich gegenseitig antreiben. Die erste ist die bekannteste: Die Belastung steigt, also steigen die Kündigungen, also steigen die Vakanzen, also steigt die Belastung weiter. Jeder Abgang macht den nächsten wahrscheinlicher.
Die zweite läuft über das Geld: Steigende Fluktuation erzeugt Temporär- und Rekrutierungskosten, steigende Kosten erzeugen Spardruck, Spardruck senkt die Investitionen in genau die Massnahmen, die Personal halten würden – also steigt die Fluktuation weiter.
Die dritte Schleife ist die entscheidende, und sie ist die, die niemand als Problem erkennt: Wenn die Belastung einen bestimmten Punkt überschreitet, werden Betten gesperrt. Damit sinkt die Zahl der Bewohnenden pro Pflegeperson, und die Belastung sinkt kurzfristig. Das System stabilisiert sich, aber auf einem tieferen Niveau, indem es Leistungskapazität abbaut.
Warum das so schwer zu bemerken ist
Ein Betrieb kann jahrelang in diesem Zustand bleiben und dabei kontinuierlich schrumpfen, ohne dass es je eine Krise gibt, die zum Handeln zwingt. Jede einzelne Bettensperrung hat eine plausible Einzelerklärung: eine Kündigung, eine Langzeitabwesenheit, ein schwieriges Quartal. Das Muster sieht man erst, wenn man drei Jahre nebeneinanderlegt.
Am Ende der Kette steht direkter Ertragsausfall. Gesperrte Betten erzeugen keine Pflegetaxen, und die Fixkosten des Hauses sinken nicht im gleichen Mass mit.
Vier Zahlen, die Sie vermutlich nicht führen
Wie viele Ihrer Betten waren in den letzten 36 Monaten wie lange aus Personalgründen gesperrt?
Wie viele kurzfristige Dienstplanänderungen weniger als 72 Stunden vor dem Einsatz gab es pro Monat und Team?
Wie oft haben Sie im letzten Quartal jemanden aus dem Frei geholt?
Wie viele Ihrer Mitarbeitenden im ersten und zweiten Berufsjahr sind zwölf Monate später noch da?
Die letzte Zahl ist die, nach der ich in jedem Betrieb frage, und die bislang fast nie geführt wird. Sie ist der beste Frühindikator, den es gibt: Wer früh erfährt, dass die eigene Erfahrung im Betrieb nichts bewegt, geht und nimmt eine Ausbildung mit, die das System dringend braucht.
Alle vier Zahlen können Sie ohne externe Hilfe erheben. Wenn Sie sie erheben und sie sehen gut aus, haben Sie Sicherheit gewonnen. Wenn nicht, haben Sie etwas, worüber Sie mit Ihrer Trägerschaft reden können.
Quellen
Systemische Analyse nach Meadows D. (1999) und Dörner D. (1989), Die Logik des Misslingens. Branchendaten: SHURP 2018, Universität Basel; Obsan, Fluktuationsrate des Pflege- und Betreuungspersonals.